Zu Guttenberg auf ungarische Art

Zu Guttenberg auf ungarische Art

(Ernő Kulcsár Szabó: Der Doktormacher)

Wenn ein Uni-System derart korrupt und derart vom Nepotismus umwoben ist wie in Ungarn, soll man sich nicht wundern, dass ein Doktortitel einem früher erteilt wird als er die Doktorarbeit fertiggestellt hätte. Die deutschsprachigen Medien sind laut von Guttenbergs Plagiat-Geschichte. Wobei Karl Theodor zu Guttenberg von seinen 400 Seiten 120 immerhin selbständig geschrieben hat, nur den Rest sich von anderen ausgeliehen. Der ungarische Guttenberg, namentlich Márton Mészáros, hat sich nicht einmal so viel Mühe gegeben. Bei weitem nicht: er selbst hat höchstens nur 6 und halb Seiten geschrieben, und damit an der Universität Szeged – die nach der Budapester Universität ELTE die zweitrenommierteste Universität Ungarns ist – Doktor geworden.

Die Geschichte könnte in Deutschland nicht nur deshalb Interesse erwecken, weil Ungarn Mitglied der EU und auch Teilnehmer des Bologna-Programs ist, und somit erteilt EU-konforme Diplome und Doktortitel, verwendbar in der europäischen Gemeinschaft, sondern auch und vor allem deshalb, weil der Drahtzieher dieser ungeheueren Promotionsgeschichte eine angeblich auch in Deutschland bekannte Persönlichkeit ist: Professor Ernő Kulcsár-Szabó, jahrzehntelang selbst Lehrstuhlleiter an der Humboldt-Universtät zu Berlin, und angeblich enger Freund eminenter deutscher Wissenschafter.

  1. 1.       Anlauf: Doktortitel von der Károli Universität der Ungarischen Reformierten Kirche

Márton Mészáros, Assistent für Hungarologie an der ungarischen Károli Gáspár Universität der Ungarischen Reformierten Kirche, und nebenbei Neffe deren Rektors, Peter Balla, und Verwandter eines calvinistischen Bischofs, Lorand Hegedüs, hat es in kurzer Zeit zweimal hintereinander geschafft, sich einen Doktortitel zu erschleichen. Allerdings beides Mal ohne richtige Dissertation: Zum ersten Mal an seinem Arbeitsplatz, an der Károli-Gáspár-Universität der Ungarischen Reformierten Kirche, mit insgesamt 13 Seiten, die er mit einer Doktorantin-Kollegin gemeinsam aufgesetzt hat, also sein eigentlicher Anteil an der „Dissertation“ beträgt insgesamt 6 und halb Seiten. Dieser kurze Aufsatz über einen ungarischen calvinistischen  Bischof, namentlich László Ravasz, aus den 1930er Jahren, erschien unter Co-Autorenschaft von Veronika Korner und Márton Mészáros in einem Universitätssammelband für PhD-Studenten, 2006. Denselben kurzen Text hat Herr Mészáros 3 Jahre später, am 26. März 2009 als Doktorarbeit an der Károli-Universität unter dem nichtssagenden Titel „Protestantismus und Medialität“ eingereicht. Seine Betreuerin – eine Professorin – hat er, ohne sie darüber in Kenntnis gesetzt zu haben, am 9. März 2009 gekündigt, und 17 Tage später, am 26. März seine Doktorarbeit mit brandneuen Doktoreltern „summa cum laude“ verteidigt. Der frischgebackene Doktorvater war der damalige Dekan der Philologischen Fakultät an der Károli Universität, András Szabó, die Doktormutter seine Stellvertreterin, also die Vize-Dekanin, Ágnes Kulcsár-Szabó, Schwiegertochter des Berliner Professors Ernő Kulcsár-Szabó. Zur Begutachterin der sog. Dissertation wurde die Ehefrau des Dekans, Frau Éva Szabó-Petrőczi ernannt. Alle Mitglieder des Defension-Ausschusses wurden mit ähnlicher Sorgfalt ausgwählt, sozusagen vom Familienkreis der beiden Betreuer: Angestellte oder Verbundene (ehemalige Doktorkinder) des Schwiegervaters der Doktormutter, Professors Ernő Kulcsár-Szabó.

Kein Wunder, dass am 26. März 2009 dieser Ausschuss Mészáros‘ Text, d.h. die netto 13 Seiten, geschrieben dazu noch in der Co-Autorenschaft, als 100%-ige Doktorleistung bewertet hatte.  Herr Mészáros erhielt den Doktortitel mit dem Prädikat „summa cum laude“.

Der ungarische Akkreditationsausschuss (MAB) hat aber Verdacht erschöpft, und eine Untersuchung in dieser Angelegenheit in Wege geleitet, infolge deren der Doktortitel dem Kandidaten am 1. September 2009 aberkannt wurde.

Ende gut alles gut: Betrüger und Komplizen aufgeflogen, Wahrheit gesiegt, damit wäre dann also die Geschichte erledigt.

Dies ist aber leider nicht der Fall.

  1. 2.       Anlauf: Doktortitel von der Szegediner Universität

4 Monate später hat Herr Mészáros seine sogenannte Doktorarbeit an die Szegediner Universität erneut eingereicht, unter demselben Titel, obwohl die ungarischen Gesetze eine Wiederholung innerhalb 2 Jahren nach einem Misserfolg ausdrücklich verbieten. Durch diesen Verbot eben war die Speicherung der Dissertation in der ländlichen Datenbank schwierig, weil das System das wiederholte Verfahren unter demselben Namen und Titel automatisch ablehnte. Die Szegediner Universität war aber erfinderisch: sie hat den Doktoranten einfach von Márton auf István umgetauft, und dadurch das Sytem überlistet. Auch den Namen des Betreuers haben sie von Ágnes Kulcsár-Szabó auf István Fried ausgetauscht. Verdacht einer mehrfachen Datenfälschung…

Es wurden tatsächlich einige Strafanzeigen erstattet, jedoch umsonst, da die ungarische Polizei keinen Grund zur Ermittlung gefunden hat. Wieso nicht eigentlich? Sie verfügte über zahlreiche Beweise sowohl für die vorsätzliche Täuschung, Urkundenfälschung, Alibidissertation, gesetzlichen Verstoss.

Die durch ein Luther-Kapitel ergänzte, immer noch extrem kurze Arbeit wurde trotz des gesetzlichen Verbots angenommen, und zur Defension durchgelassen. Herr Mészáros hat am 30 Juni 2011 seinen Doktortitel erhalten. Im offiziellen Gutachten von der Szegediner Universität wurde festgestellt, dass die Dissertation inkoherent sei, da das neue Luther-Kapitel und das alte Ravasz-Kapitel keine wissenschatlich fundierte Zusammenhänge aufweisen. Ausserdem sei bemerkt, die Anhänger von Luther an und für sich Lutheraner sind, Bischof Ravasz selbst hingegen Calvinist war. In dem Text findet man keine ernst zu nehmende Begründung dafür, warum 400 Jahre in der Zeit und mehrere Landesgrenzen im Raum übersprungen wurden (von Luther bis zu Ravasz); warum zwishen Lutheraner und Calvinisten nicht differenziert wird; was ist zwischen Luther und Ravasz gemeinsam, ausser dass sich beide erfolgreich der Medien bedient hatten? Und überhaupt: im welchem Sinn, in welcher Bedeutung wurde das Wort „Protestantismus“ in der Dissertation verwendet: religiös?, politisch?, moralisch? usw.?

Nebenbemerkung: Das Luther-Kapitel ist vermutlich ein Plagiat, welches z.Z. technisch, leider, noch nicht beweisbar ist, da dieser Teil aus deutschsprachigen Quellen übernommen wurde. Sicher ist nur, dass die deutschsprachige Literatur, die in diesem Kapitel verwertet wurde, konnte von dem „Autor“  nicht einmal gelesen, geschweige denn verarbeitet werden, weil seine Deutschkenntnisse dafür nicht ausreichen.

Warum hat also die Szegediner Universität einen fadenscheinigen Betrug durchgelassen, trotz des gesetzlichen Verbots, und nicht nur durchgelassen sondern darin sogar aktiv mitgewirkt? Die Antwort liegt im ungeheueren Einfluss des Professors Ernő Kulcsár-Szabó, der seit gut anderthalb Jahrzehnt, sozusagen im Namen von Gadamer und Jauss wenn nicht der gesamten deutschen Literatur- und Kulturwissenschaft, eine sprachliche und kulturelle Diktatur an den ungarischen Universitäten ausübt. Als Leiter mehrerer Lehrstühle in Ungarn und Deutschland, Verteiler von Posten, akademischen Graden und Titeln, Stipendien und Bewerbungsgeldern, also als Herr vom Leben und Tod in der genannten akademischen Disziplin verkörpert er selbst eine zwielichtige Institution. Er hat fast an jeder Universität und Hochschule seine Verbundenen („Söldner“), die rund um die Uhr bereit sind, seine Befehle durchzuführen. Vetternwirtschaft, Nepotismus, Korruption herrschen in der ungarischen Universitätsbildung, d.h. im Bildungsystem eines Staats der EU. Und all dies unter der Tarnung der deutschen Literatur- und Kulturwissenschaft, für deren Apostel Ernő Kulcsár-Szabó sich selbst erkoren hat…

Die Macht von Ernő Kulcsár Szabó, der sich dabei ununterbrochen auf seine deutschen Beziehungen, angeblichen Freunde und Unterstützer bezieht, ist leider keine blosse Metapher. Er kann nicht-vorhandene Dissertationen mit Doktortitel belohnen (siehe den Fall von Mészáros), aber auch seriöse wissenschaftliche Leistungen zur Ablehnung bringen. Das düsterste an dieser Gechichte ist, dass Herr Kulcsár-Szabó auch wohl etablierte und breit anerkannte Karrieren knacken, sogar zugrunde richten kann. Wie in diesem Fall, wegen Mészáros, hat er einen Professor aus dem Fach ausradiert, weil er gegen diesen Doktortitel Einspruch zu erheben wagte.

Der Fall von Mészáros weist zwar Ähnlichkeiten mit jenem von zu Guttenberg auf, jedoch die Unterschiede sind markant. Mészáros erwarb den Doktortitel nicht aus blosser Eitelkeit, wie zu Guttenberg, der diesen Titel zu seiner politischen Karriere an und für sich nicht gebraucht hätte. Mészáros will hingegen durch diesen Titel seine Universitätskarriere fundieren und in der nächsten Zukunft schon selbst den anderen den Doktortitel verleihen oder verweigern.

Der andere wesentliche Unterschied besteht in der Rolle der Öffentlichkeit. Die deutschen Universitäten wissen, dass Vertuschen von Skandalen ihnen auf die Dauer nur schaden kann. Die einzige Chance, ihren guten Ruf zu retten, ist die Offenlegung der Tatsachen.

Nicht so in Ungarn, einem Teil der Europäischen Union, wo die Entlarvung eines Betrügers vor der Öffentlichkeit noch lange nicht das Ende seiner Karriere bedeutet. Ganz im Gegenteil: typischerweise wird jener bestraft, der die Tatsachen offenlegt. Deshalb möchten wir die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf diesen Fall lenken, weil Mészáros bei uns keine Ausnahme ist: wir haben zu viel an ungarischen Guttenbergs, die viel schlimmer sind als das deutsche Original; und wenn sie nicht rechtzeitig entlarvt werden, werden sie sich noch vermehren. Sogar über die Landesgrenze hinaus.

Zum Originaltext der Dissertation:

https://karoligaspar.wordpress.com/2011/08/02/meszaros-dissertation-phd-thesis/

oder:

http://ravaszlaszlobaratikor.wordpress.com/2011/08/02/meszaros-dissertation-phd-thesis/

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Doctor of Law, Protestant
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